Warum gibt es meist zweimal täglich Hochwasser – und warum verschieben sich die Zeiten?
Zwei Hochwasser pro Mondtag, später werdende Uhrzeiten: So erklärt das vereinfachte Gezeitenmodell die Nordsee – und so findest du lokale BSH-Zeiten.
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Wer an der Nordsee morgens bei Hochwasser aufs Meer blickt, erlebt das nächste Hochwasser oft am Abend. Am folgenden Morgen ist es aber nicht einfach wieder zur gleichen Uhrzeit. Die Anziehungskraft des Mondes erzeugt im vereinfachten Modell zwei Gezeitenwölbungen; die Erde dreht sich darunter, während der Mond auf seiner Bahn weiterzieht. So ergeben sich an vielen Küsten zwei Hochwasser pro Mondtag – mit Uhrzeiten, die im Mittel täglich später liegen. Für einen konkreten Strand reicht dieses Modell allein allerdings nicht aus (BSH: Die Gezeiten; NASA: Tides).
Erst die Begriffe: Flut ist nicht dasselbe wie Hochwasser
Flut bezeichnet das Ansteigen des Wasserstands, Ebbe sein Absinken. Der höchste Stand vor dem erneuten Fallen heißt Hochwasser, der tiefste vor dem erneuten Steigen Niedrigwasser. Wenn du also fragst, wann „die Flut kommt“, suchst du meist nach der Uhrzeit des nächsten Hochwassers – das ist ein Zeitpunkt, nicht die ganze Phase des steigenden Wassers. Eine Tide umfasst Flut und die anschließende Ebbe (BSH: Die Gezeiten).
Zwei Wölbungen: Was der Mond mit dem Meer macht
Stell dir eine glatte, vollständig von Wasser bedeckte Erde mit einem Mond rechts daneben vor. Die Anziehungskraft des Mondes wirkt auf die ganze Erde, aber auf ihrer mondnahen Seite etwas stärker als im Erdmittelpunkt und auf der abgewandten Seite etwas schwächer. Dieser Unterschied der Anziehung – die Gezeitenkraft – verteilt das Wasser um. Im stark vereinfachten Bild entstehen zwei Bereiche mit erhöhtem Wasserstand: einer zum Mond hin, einer auf der gegenüberliegenden Seite. Dazwischen liegen Bereiche mit geringerem Wasserstand. Es geht nicht darum, dass der Mond Wasser senkrecht aus dem Ozean hebt (NASA: Tides; Time and Date: Gezeiten).
Nun dreht sich die Erde. Ein gedachter Küstenort durchläuft in diesem Modell nacheinander einen Bereich mit niedrigerem Wasserstand, eine Wölbung, wieder einen niedrigen Bereich und schließlich die zweite Wölbung. Das erklärt, warum an vielen Küsten zwei Hoch- und zwei Niedrigwasser innerhalb eines Mondtags auftreten. Es erklärt nicht, dass ein echtes Hochwasser überall genau dann eintritt, wenn der Mond über dem Ort steht: Die wirklichen Ozeane folgen weder einer glatten Kugel noch starren Wasserbergen (BSH: Die Gezeiten).
Warum das Hochwasser von Tag zu Tag später kommt
Während sich die Erde dreht, bewegt sich der Mond auf seiner Bahn in derselben Drehrichtung weiter. Ein Küstenort benötigt deshalb gegenüber dem Mond im Mittel etwa 24 Stunden und 50 Minuten, um wieder dieselbe Orientierung einzunehmen: einen mittleren Mondtag. Bei einer halbtägigen Gezeitenform liegen zwei aufeinanderfolgende Hochwasser im Mittel rund 12 Stunden und 25 Minuten auseinander (BSH: Die Gezeiten).
Als reines Rechenbeispiel, nicht als Vorhersage: Wenn das erste modellhafte Hochwasser um 08:00 Uhr wäre, läge das nächste etwa um 20:25 Uhr und das übernächste am Folgetag ungefähr um 08:50 Uhr. Der Abstand zum morgendlichen Hochwasser beträgt damit im Mittel etwa 50 Minuten. Tatsächliche Hochwasserzeiten dürfen nicht einfach so fortgeschrieben werden – die lokalen Gezeiten weichen teils erheblich von dieser Idealrechnung ab.
Warum die Küste nicht wie das Lehrbuchbild funktioniert
Kontinente unterbrechen die Ozeane; Meeresbecken haben unterschiedliche Tiefen und Formen. Die Gezeit breitet sich als Bewegung durch diese Becken aus. Das Signal aus dem Atlantik erreicht verschiedene Orte an der deutschen Nordseeküste nicht gleichzeitig: Das BSH nennt Borkum und Cuxhaven als Beispiel für unterschiedliche Hochwasserzeiten. Auch Wind und Wetter können den tatsächlichen Wasserstand von einer astronomisch berechneten Vorausberechnung abweichen lassen. An anderen Küsten kommen neben zwei täglichen Hochwassern auch ganztägige oder gemischte Gezeitenformen vor. „Überall zweimal am Tag“ wäre also falsch.
Auch die Sonne wirkt mit: Bei Neu- und Vollmond können sich die gezeitenerzeugenden Wirkungen von Sonne und Mond verstärken (Springzeit), um die Viertelmondphasen teilweise abschwächen (Nippzeit). Das beschreibt vor allem Unterschiede im Tidenhub, nicht eine Uhrzeit, die sich aus der Mondphase allein für einen beliebigen Hafen ablesen ließe (NASA: Tides; BSH: Die Gezeiten).
So findest du die Zeit für deinen Ort
- Ort statt Faustregel wählen: Suche für einen Ort an der deutschen Küste die Gezeitenvorausberechnung des BSH. Wähle dort Ort und Datum; andere Küsten brauchen den jeweils zuständigen lokalen Gezeitendienst. Beachte bei einer Reise an den Strand auch die aktuelle Wetter- und Wasserstandslage.
- Hochwasser und Niedrigwasser trennen: Notiere die angegebenen Umkehrpunkte. Dazwischen steigt oder fällt das Wasser – die Uhrzeiten der Extremwerte sagen noch nicht, wie hoch das Wasser tatsächlich an deinem Strand stehen wird.
- Das Globusbild als Orientierung nutzen: In LiveGlobe 3D kannst du die Erde drehen und einen Ort auf dem Globus länger drücken, um Ortsinformationen aufzurufen. Bei einem geeigneten Meerespunkt können über externe Daten auch Gezeiteninformationen erscheinen. Das ist ein räumlicher Einstieg, keine Zusage für jeden Küstenort und kein Ersatz für eine ortsbezogene amtliche Vorausberechnung; Webzugang und externe Daten sind Voraussetzungen.
Kurz gesagt: Zwei Hochwasser sind für viele Küsten eine gute Grundregel, und der mitwandernde Mond erklärt den ungefähren zeitlichen Versatz. Für den nächsten Spaziergang im Watt zählt aber der konkrete Ort mit seinen gemessenen und berechneten Wasserständen – nicht die schematische Wasserwölbung auf einem Globus.